Schwarzenbergstr. 17, 83075 Bad Feilnbach

Dr. Alpaka

Medizinische Rehabilitation Suchtkranker

Dr. Alpaka

Vor eineinhalb Jahren startete die tiergestützte Therapie mit südamerikanischen Alpakas in der Fachklinik Alpenland in Bad Feilnbach. Sissi, Franz-Josef, Ludwig und Jungtier Heidi haben sich inzwischen bestens eingelebt und bereichern den Klinikalltag.

Therapeutin Anja Müller und Arbeitstherapeut Tom Maak berichten im Interview über die bisherigen Erfahrungen mit der tiergestützten Therapie.

Warum hat sich die Fachklinik Alpenland im Rahmen der tiergestützen Therapie für Alpakas entschieden und nicht für z. B. Pferde, Hunde, Kaninchen?

Anja Müller: Alpakas sind Herdentiere und daher für unsere Rehabilitanden ein Vorbild für soziale Integration. Zudem sind sie Fluchttiere und eignen sich in der therapeutischen Arbeit daher als gutes Vorbild für die Nähe- und Distanzregulierung. Darüber hinaus finden tiergestützte Interventionen mit Lamas und Alpakas immer im Kontext mit der Natur statt. Das bietet unseren Rehabilitanden unter anderem Bewegung, Abwechslung, neue Erfahrungen und auch Ablenkung, zum Beispiel bei Suchtdruck.

Frau Müller, sie absolvierten die berufsbegleitende AATLA-Weiterbildung “Tiergestützte Fördermaßnahmen, tiergestützte Pädagogik und tiergestützte Therapie mit Schwerpunkt Lamas und Alpakas”. Warum benötigt man eine Weiterbildung? Und wo lagen die Schwerpunkte?

Anja Müller: Wie bei jeder therapeutischen Intervention benötigt man auch bei TGI (tiergestützte Interventionen) unter anderem eine taktische und geplante Vorgehensweise, die Verfolgung und Formulierung von Zielen sowie die Einhaltung weiterer wichtiger Punkte wie beispielsweise den Tierschutz. Die Schwerpunkte der Weiterbildung liegen in der theoretischen Wissensvermittlung über Lamas und Alpakas sowie deren Einsatzmöglichkeiten. Hierbei geht es um die Vermittlung von Fakten zu Haltungsbedingungen, zu Zucht und Aufzucht bis hin zu Krankheitslehre und Fütterungsmanagement. Weitere Schwerpunkte bilden die theoretische Ausbildung, das praktische Training mit den Tieren und die Einbettung in die Anforderungen des Tierschutzes. Im Rahmen der Weiterbildung werden zudem die praktischen Einsatzmöglichkeiten bei verschiedenen Klientengruppen gelehrt (z. B. bei Menschen mit Behinderung, in der Arbeit mit Senioren, im Kinder- und Jugendhilfebereich, bei Menschen mit Suchtmittelabhängigkeit, traumatischen Erfahrungen und anderen psychischen Krankheitsbildern).

Können mit der tiergestützten Therapie herkömmliche Therapiemethoden ersetzt werden?

Anja Müller: Die tiergestützte Therapie bietet zwar keinen Ersatz für andere Therapiemethoden, stellt jedoch eine Ergänzung dar, welche den therapeutischen Ansatz weiter verstärken kann. Sie ist im Allgemeinen gut einsetzbar, da immer mehr Rehabilitanden Erfahrungen mit eigenen Tieren haben. Vor allem dient sie als Unterstützung zur Erreichung von Therapiezielen wie Verantwortungsübernahme, Nähe-Distanz-Regulation, Rücksichtnahme, Zuverlässigkeit, Selbstwertgefühl, Selbstständigkeit und Aufrechterhaltung der Therapiemotivation. TGI ist besonders gut für den Einstieg in eine längerfristige Therapie geeignet, sie erleichtert dem Fachpersonal den Zugang zu Rehabilitanden und sorgt häufig für die Bildung einer therapeutischen Allianz.

Wie kann man sich den Ablauf der tiergestützten Therapie vorstellen?

Anja Müller: Die tiergestützte Therapie kann in Einzel- oder Gruppenarbeit stattfinden, im Idealfall gibt es mehrere aufeinanderfolgende Einheiten.
Die Vorarbeit des Therapeuten beinhaltet die Anamneseerhebung sowie die therapeutische Planung. Hierbei findet auch eine Abwägung statt, ob es sich um den direkten oder indirekten Einsatz von Tieren handeln wird. Die tatsächliche Arbeit mit den Rehabilitanden findet in mehreren Phasen statt:
Die Einstiegs- und Motivationsphase dient der Zielabsprache, dem Treffen von Vereinbarungen für die Einheit, dem Kennenlernen der Tiere sowie der Anbahnung an das Hauptthema.
In der Arbeitsphase geht es um den direkten oder indirekten Einsatz der Tiere sowie die Verfolgung der vereinbarten Ziele wie zum Beispiel Beobachtung der Tiere, Spaziergang, Parcours- oder Stallarbeit.
Die Ablösungs- und Entspannungsphase fokuReflexion der vergangenen therapeutischen Einheit, ruhiges Ausklingen-Lassen, Treffen von Absprachen für die nächste Einheit.
Die abschließende Nacharbeit beinhaltet für den Therapeuten die fachliche Dokumentation.

Inwiefern nimmt der Kontakt mit den Tieren Einfluss auf das Verhalten der Menschen? Was bewirkt die Therapie generell?

Anja Müller: Es gibt bisher nur wenige Studien über den Einsatz tiergestützter Therapie, wenn dann überwiegend zur Arbeit mit Hunden oder Pferden. Es ist jedoch schon seit langer Zeit belegt, dass Tiere die verbale und nonverbale Kommunikation des Menschen verbessern können. Menschen, die viel Kontakt zu Tieren haben sind im Allgemeinen freundlicher, lächeln mehr und haben positivere Gedanken.
Es liegen auch Untersuchungen vor, welche die positiven Auswirkungen auf die Verbesserung der sozialen Aufmerksamkeit und des sozialen Kontakts belegen. Der Kontakt zu Tieren führt in vielen Fällen zum Abbau von Aggressionen. Durch die Unfähigkeit der Tiere, dem Menschen in sprachlicher Form zu widersprechen, können beim Menschen Ängste und Anspannungen reduziert werden. Dies führt nachweislich zu weniger Stressempfinden. Es sind jedoch nicht nur positive Einflüsse zu beobachten: Manchmal reagieren Menschen auf Tiere mit Ekel oder Angst oder dem Wunsch, diese Lebewesen dominieren zu können.

Ist diese Therapieform für alle Menschen geeignet?

Anja Müller: Grundsätzlich ist diese Therapieform für alle Menschen geeignet, die ein Interesse an Tieren zeigen. Kontraindikationen bestehen beispielsweise in einer diagnostizierten Tierhaarallergie, einer ausgeprägte Angst vor Tieren, offenen Wunden, Infektionen oder Immunsuppression.

Warum glauben Sie, dass eine tiergestützte Therapie für suchtkranke Menschen empfehlenswert ist?

Anja Müller: Viele Menschen mit Substanzabhängigkeit halten selbst Tiere. Häufig können Tiere Einschränkungen im Sozialverhalten kompensieren – nach dem Motto: „Über das Tier zurück zum Menschen“. Mit Tieren ist eine unverfälschte und ehrliche Kommunikation möglich. Oft können suchtmittelabhängige Menschen verschüttete Ressourcen wiederentdecken und Nähe ohne Zurückweisung erfahren. Auch ist häufig ein verbesserter Beziehungsaufbau zwischen Therapeut und Rehabilitand möglich. Wir bemerken, dass der Einsatz von Tieren in der therapeutischen Arbeit häufig eine Steigerung der Therapiemotivation nach sich zieht. Auch die bereits erwähnten Effekte auf das Stressempfinden sowie die Ablenkungsmöglichkeit bei Suchtdruck sind wichtige Aspekte.

Haben Sie eine interessante Anekdote aus der tiergestützten Therapie?

Tom Maak: Der schönste Ausflug mit Rehabilitanden war der Badeausflug zum Jenbach im Sommer 2018. Bis auf die wasserscheuen Lama’s haben alle die Abkühlung genossen. Franz und Ludwig waren bis zum Kopf im Wasser.
Die Tiere scheuern sich gerne in den Hecken. So auch Braulio. Leider hat ihn einen Wespe in den Hals gestochen und er wusste gar nicht wie ihm geschah und vollführte wilde Bocksprünge und jammerte . . . der Arme.
Aber Braulio macht nicht nur Bocksprünge wenn er gestochen wird. Einmal ist er sauer geworden, weil er zum Halftern in den Stall musste. Er sprang mit allen vieren hoch und spuckte dabei in die Luft.
All dies – sowie die täglichen kleinen Späßchen, welche die Tiere sonst so treiben – bereitet den Rehabilitanden viel Spaß und bietet Ablenkung vom Therapiealltag.

Zum Schluss: Haben Sie bereits Erfahrungen damit sammeln können, ob das Angebot der tiergestützten Therapie dazu beiträgt, die Attraktivität der Fachklinik Alpenland zu erhöhen?

Anja Müller: Unser Aufnahmebüro berichtet häufig davon, dass unsere tiergestützte Therapie von sich im Aufnahmeprozess befindenden Rehabilitanden konkret angefragt wird. Da tierliebe Rehabilitanden ihre eigenen Haustiere nicht in unsere Fachklinik mitbringen können, stellen die klinikeigenen Tiere oft einen guten Ersatz dar. Trotz ihrer therapeutischen Wirksamkeit steckt die tiergestützte Therapie, besonders im Suchthilfebereich, noch in den Kinderschuhen. Man kann jedoch zweifelsfrei sagen: Für viele unserer Rehabilitanden stellt die tiergestützte Therapie einen großen therapeutischen Zugewinn dar!

Das Interview führte Maren Ruhstorfer